Was tun bei Gelenkschmerzen? Teil 1: Rheuma

Die häufigste Form von Rheuma, die rheumatoide Arthritis, erfordert eine Langzeittherapie. Mit Bewegung, richtiger Ernährung und Wärmetherapie können Betroffene selbst dazu beitragen, ihre Schmerzen zu lindern. Heilkräuter aus dem Arzneischatz der traditionellen europäischen Medizin können eine sinnvolle Ergänzung oder Alternative zu Medikamenten sein.

Rückseite

Gelenkschmerzen durch Rheuma, Gicht oder Arthrose brauchen wegen ihres chronischen Verlaufs eine Langzeittherapie. Betroffene können selbst viel tun, um die Beweglichkeit der Gelenke zu erhalten und Schmerzen zu reduzieren.

Gelenkschmerzen waren schon in der Antike ein wichtiges Thema der Heilkunde. Der griechische Arzt Hippokrates führte sie auf „Völlerei und Müßiggang“ zurück. Auch in der Klostermedizin des Mittelalters galten Ernährung und Bewegung als wichtige therapeutische Maßnahmen. Schmerzen linderte man mit Kräuter-Umschlägen und Heilkräutern.

Bis heute weiß man nicht genau, wie rheumatoide Arthritis, die häufigste Form von „Rheuma“, entsteht. Man geht davon aus, dass die Entzündungen der Gelenke (aber auch Weichteile wie Muskeln, Sehnen, Bänder etc.) durch eine Fehlregulation des Immunsystems verursacht werden. (Der rheumatische Formenkreis umfasst ein ganzes Spektrum von Erkrankungen. Mehr dazu auf den Seiten der Deutschen Rheuma-Liga). Für eine Autoimmunreaktion spricht u.a. der Nachweis sogenannter Rheumafaktoren im Blut. Das sind Autoantikörper, die sich gegen die körpereigenen Antikörper (IgG) richten. (Allerdings kann man auch an rheumatoider Arthritis leiden, wenn die Autoantikörper nicht nachweisbar sind. Umgekehrt sind sie nicht unbedingt ein Beweis für das Vorliegen der Erkrankung.)

Eine der Strategien der westlichen Medizin besteht darin, die überschießende Immunreaktion durch Medikamente wie Glukokortikoide („Kortison“) und nicht-steroidale Antirheumatika (NSRA) wie ASS, Diclofenac oder Ibuprofen zu dämpfen. Eine Dauermedikation mit diesen Medikamenten hat jedoch Nebenwirkungen. Bei den Glukokortikoiden ist dies z.B. Osteoporose, bei den NSRA hauptsächlich Magen-Darm-Geschwüre.

Die naturheilkundliche Behandlung, wie sie durch die Klostermedizin tradiert ist und von der Arbeitsgruppe Klostermedizin der Uni Würzburg auf ihre heutige Anwendbarkeit geprüft wird, setzt auf vier Säulen: Bewegung, Wärme, Ernährung und Kräutertherapie. Kräuter werden einerseits äußerlich als schmerzlindernde Wickel eingesetzt, andererseits innerlich, um einerseits die Entgiftungsorgane Leber, Darm und Niere anzuregen und andererseits Schmerzen zu lindern.

Schonende Bewegungen sind gut für die Gelenke

In Bewegung zu bleiben, ist eine der wichtigsten Regeln der Klostermedizin. Ausnahmen sind Phasen, in denen die Entzündung aufflammt und die Gelenke rot und geschwollen sind. Dann ist Schonung angesagt. In Phasen geringer Beschwerden sorgt tägliche Bewegung dafür, dass die Gelenke durchblutet und mit Nährstoffen und Gelenkflüssigkeit versorgt sind. Empfehlenswert sind sowohl bei Rheuma als auch bei Arthrose Gelenk schonende Bewegungen wie Gymnastik (Physiotherapie), Spaziergänge, Schwimmen oder Radfahren, Qi Gong. Massagen können die Versorgung des Gelenks unterstützen. Gleiches gilt für die Akupunkturbehandlung (aus der Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin entsteht Schmerz durch eine Stagnation von Qi oder Blut. Die Akupunktur hat das Ziel, diese Stagnation zu lösen und dadurch Schmerzen zu lindern.)

Wärme fördert ebenfalls die Durchblutung des Gelenks. Sie macht es beweglicher und lindert Schmerzen. Schon in der Römerzeit wussten die Menschen um die heilende Wirkung von Thermalquellen und Solebädern. Auch wärmende Moor- oder Fango-Packungen werden bis heute zur Schmerzlinderung eingesetzt. Seit dem 18. Jahrhundert kennt die traditionelle europäische Medizin die Hydrotherapie – die Behandlung mit Wassergüssen und Bädern. Der wohl berühmteste Vertreter der Hydrotherapie, der wörishofener Pfarrer Sebastian Kneipp, entwickelte seine Therapie, nachdem er ein Buch von zwei schlesischen Ärzten (Vater und Sohn Siegmund und Johann Hahn) aus dem Jahr 1738 gelesen hatte. Heute empfiehlt man wechselwarme Güsse und Bäder, um die Durchblutung der Gelenke zu fördern.

Wärmetherapie für Zuhause: der Heublumensack

Anne Hardy/Anne Hardy-Vennen

Unter Heublumen versteht man die Blüten und das Kraut diverser Wiesengräser. Man verwendet sie getrocknet. Wer sie nicht selbst ernten kann, erhält sie auch bei Kräuterhandlungen und im Versand. Für eine Heublumenpackung füllt man Heublumen in ein Baumwollsäckchen der benötigten Größe und erhitzt das Säckchen 15 Minuten in einem Sieb über einem Topf mit Wasserdampf. Dann drückt man es vorsichtig aus, lässt etwas abkühlen und legt es dann so heiß wie möglich (ca. 42 Grad) auf das Gelenk oder eine schmerzende Muskelpartie auf. Mit einem Wolltuch oder Schal fixieren und so lange einwirken lassen, wie es angenehm ist (ca. 40 Minuten). Danach das Gelenk bewegen, z.B. einen Spaziergang machen oder Qi Gong, Gymnastik, Yoga. (Vorsichtsmaßnahmen bei Anwendung des Heublumensacks)

Bei schmerzenden Fingergelenken kann man die Hand auch in ein Heublumenbad eintauchen. Dazu übergießt man 4 bis 5 TL Heublumen mit 1 L kochendem Wasser, lässt das Ganze auf ca. 40 Grad abkühlen und badet die Finger darin. Danach Beinwellsalbe (Kytta-Salbe) auftragen und Handschuhe anziehen, damit die Wärme so lang wie möglich erhalten bleibt.

Für ein Heublumenbad in der Badewanne (gut bei Rheuma in mehreren Gelenken, aber auch bei Muskelschmerzen) stellt man einen Sud aus einigen Handvoll Heublumen und kochendem Wasser her. 15 Minuten ziehen lassen, abseihen und dem Badewasser zugeben. Diesen Sud kann man auch für Auflagen verwenden (anstelle des Heublumensäckchens). Für Eilige gibt es auch Heublumenextrakt als Badezusatz (z.B. von der Firma Dr. Willmar Schwabe)

Säurearme Ernährung bei Rheuma

Bei der naturheilkundlichen Behandlung von Rheuma (rheumatoider Arthritis) wird empfohlen, Nahrungsmittel mit einem hohen Anteil an Arachidonsäure zu vermeiden. Aus dieser mehrfach ungesättigten Omega-6-Fettsäure bildet der Körper in der sogenannten Arachidonsäurekaskade Entzündungsmediatoren, also Substanzen, die Entzündungen im Körper vermitteln und unterhalten. Arachidonsäure ist vor allem in tierischen Nahrungsmitteln enthalten.

Lebensmittel, die Entzündungen fördern:

  • Schweinefleisch, Rindfleisch, Thunfisch, Huhn
  • Distelöl, Sonnenblumenöl

Lebensmittel, die reich sind an Omega-3-Fettsäuren, wirken Entzündungen entgegenwirken, weil sie die den Arachidonsäurespiegel senken. Empfehlenswert sind:

  • Olivenöl, Leinöl, Leindotteröl, Rapsöl, Weizenkeimöl, Walnussöl, Sojaöl
  • Lachs, Forelle, Steinbutt
  • buntes Obst und Gemüse, v.a. intensiv rot, gelb oder lila oder mehrere Farben (z.B. bei Äpfeln)

Den Stoffwechsel anregen

Den Stoffwechsel der Entgiftungsorgane Leber, Darm und Niere kann man mit Heilkräutern gezielt anregen. Das sollte aber mit einem Arzt oder Heilpraktiker individuell besprochen werden. Was jeder selbst tun kann:

  • die Leber schonen (Alkoholkonsum reduzieren!)
  • viel klares Wasser oder dünne Tees trinken (täglich 2 L)
  • für regelmäßige Verdauung sorgen (Ballaststoffreiche Ernährung, nüchtern 1 TL eingeweichte Lein- oder Flohsamen mit 2 Gläsern Wasser einnehmen)

Schmerzlindernde Heilkräuter brauchen Geduld

Die schmerzlindernde Wirkung von Heilkräutern tritt frühestens nach einer Woche, manchmal erst nach drei Wochen ein. Da chronische Erkrankungen eine dauerhafte Behandlung erfordern, muss man auch darauf achten, einen Gewöhnungseffekt zu vermeiden. Das erreicht man, indem man einen Tag in der Woche auf die Einnahme von Kräutern verzichtet (z.B. sonntags) und indem man die Kräuterrezepturen variiert, um dem Körper immer wieder neue Reize zu setzen.

Pflanzen, die eine schmerzlindernde und entzündungshemmende Wirkung haben, sind: bittersüßer Nachtschatten, Brennessel, Goldrute, Pappelrinde, Teufelskralle, Weidenrinde und Weihrauch. Welche Heilkräuter geeignet sind, sollte man mit einem kräuterkundigen Heilpraktiker/Heilpraktikerin und dem behandelnden Arzt/Ärztin besprechen. Das gilt besonders, wenn man Medikamente und Heilkräuter kombiniert.

Anne Hardy/Anne Hardy-Vennen

Brennesselsamen

Auf eigene Faust probieren kann man  eine Kur mit Brennesselsaft (Frischpflanzensaft) über 4 bis 6 Wochen (mindestens 50 ml pro Tag). Die Brennessel wirkt entzündungshemmend und regt zusätzlich die Funktion der Niere und die Blutbildung an. Die beste Jahreszeit dafür ist das Frühjahr.

In meiner Praxis verwende ich Teemischungen oder Tinkturen aus mehreren Kräutern. Diese Vorgehensweise ist von der Kräutertherapie der Traditionellen Chinesischen Medizin abgeleitet. Mit der Mischung sollen einerseits mehrere Zielorgane angesprochen werden (Gelenke und Entgiftungsorgane), andererseit sind die Rezepturen so zusammengestellt, dass die Wirkungen von Kräutern sich gegenseitig verstärken, und unerwünschte Nebeneffekte abgeschwächt werden.

So ist Weidenrinde, die seit dem Mittelalter als schmerz- und fiebersenkendes Mittel eingesetzt wird, sehr bitter. Wer die wirksame Tagesdosis von 120 mg des wichtigsten Wirkstoffs, Salicin, erreichen will, muss täglich 3 bis 5 Tassen trinken. Um das über einen Zeitraum von 6 Wochen durchzuhalten, muss man dem Tee andere Kräuter wie Pfefferminze und Süßholz beimischen.

Salicin ist übrigens eine Vorstufe der Salicylsäure, die als Acetylsalicylsäure in ASS vorkommt. Weil Salicin erst im Körper zu Salicylsäure umgebaut wird, dauert es etwa 3 Stunden, bis die schmerzlindernde Wirkung der Weidenrinde eintritt. Dafür ist sie für die Magenschleimhäute besser verträglich und kann daher auch über einen längeren Zeitraum eingenommen werden.

Kräuter für die äußere Anwendung

Sie sind im Gegensatz zu den Kräutern für die innere Anwendung schnell wirksam. Man unterscheidet dabei zwischen wärmenden, durchblutungsfördernden und kühlenden, entzündungshemmenden Kräutern.
Wärmend:

  • Heublumensack
  • Umschläge mit Senfmehl
  • Rosmarinöl
  • Cayennepfefferextrakt (Wirkstoff Capsaicin, Vorsicht bei geröteten, heißen Gelenken)

Kühlend (bei akuten Schmerzen):

  • Pfefferminzöl
  • Eukalyptusöl (ätherische Öle nur mit einem Trägeröl vermischt auf die Haut auftragen)
  • Weißkohlblätter (vor dem Auflegen mit dem Nudelholz bearbeiten, um entzündungshemmende Senföle freizusetzen)

Beinwellsalbe (Kyttasalbe gibt es als wärmende und kühlende Mischung) fördert die Gewebsbildung.

Dieser Beitrag basiert auf einem Vorlesungsskript der Arbeitsgruppe Klostermedizin der Uni Würzburg, das ich zusammengefasst und durch eigene Recherche ergänzt habe.