Warnung vor Nährlösungen für IVF und ICSI

Retortenkinder haben ein höheres Risko, Bluthochdruck und Diabetes zu entwickeln. Neben der Manipulation der Keimzellen durch IVF und ICSI werden auch die Nährlösungen für die künstlich erzeugten Embryonen als Ursache diskutiert.

Rückseite

Eine vorzeitige Alterung der Blutgefäße, Bluthochdruck sowie früher Diabetes treten aktuellen Studien zufolge bei Retortenkindern häufiger auf, als bei natürlich gezeugten Kindern gleichen Alters. Als eine Ursache für die Gesundheitsrisiken stehen die Nährlösungen für die künstlich gezeugten Embryonen unter Verdacht.

Lange Zeit seien die Gesundheitsrisiken für den Nachwuchs aus künstlicher Befruchtung ein Tabu gewesen. Jetzt könne man die Hinweise nicht länger ignorieren, warnte unlängt die Medizinjournalistin Martina Lenzen-Schulte im Wissenschaftsteil der FAZ (10.10.2018). Sie bezieht sich insbesondere auf eine aktuelle Studie der Forschergruppe um den Schweizer Kardiologen Urs Scherrer vom Inselspital in Bern. Dieser hatte bereits vor zwei Jahren darauf hingewiesen, dass bei Retortenkindern häufiger eine frühzeitige Alterung der Gefäße auftritt.

In ihrer aktuellen Studie untersuchte die Forschergruppe um Scherrer eine Gruppe Kinder und Jugendlicher, von denen 15 mittels IVF und 39 mittels ICSI gezeugt worden waren. Die Blutdruckmessung bei den völlig gesund wirkenden Kindern ergab, dass ihr Risiko für Bluthochdruck sechsmal höher ist als bei gleichaltrigen, natürlich gezeugten Kindern (Meister et al.: Association of Assisted Reproductive Technologies With Arterial Hypertension During Adolescence, in JACC, DOI: 10.1016/j.jacc.2018.06.060).

Zweifel am höheren Alter der Eltern als Ursache

Dass die Retortenkinder häufiger unter gesundheitlichen Einschränkungen und Fehlbildungen leiden, haben Reproduktionsmediziner bisher auf das durchschnittlich höhere Alter der Eltern bei der Zeugung zurückgeführt. Doch das bezweifelt nicht nur der Kardiologe Scherrer, sondern auch der britische Embryologe Thomas Fleming in einem Übersichtsbeitrag in der Fachzeitschrift “The Lancet”. Die Lebensumstände der Eltern rund um den Zeitpunkt der Zeugung seien entscheidend für die Gesundheit des Nachwuchses. Als Risikofaktoren untersuchte Fleming Übergewicht sowie Unterernährung der werdenden Mutter,  entspechende Faktoren beim Vater sowie die künstliche Befruchtung. Letztere erhöhe nicht nur die Anfälligkeit der Gefäße, sondern auch das Diabetesrisiko (Tom Fleming: Origins of lifetime health around the time of conception: causes and consequences, in: The Lancet, 16. April 2018).

Gegen das fortgeschrittene Alter der Eltern als Ursache für ehöhtes Diabetes- und Bluthochdruckrisiko spricht, dass diese Erkrankungen weniger häufig bei dem Nachwuchs von Paaren auftreten, die sich in Kinderwunschkliniken vorstellten, dann aber auf natürliche Weise schwanger wurden. Weiterhin zeigen Tierversuche, dass der in der Retorte gezeugte Nachwuchs von völlig gesunden Tieren ebenfalls dazu neigt, einen Bluthochdruch oder frühzeitge Diabetes zu entwickeln.

Nährlösungen unter Verdacht

Im Verdacht stehen bereits seit einiger Zeit die kommerziell vertriebenen Kulturmedien für reproduktionsmedizinische Labore. Erstaunlich ist, dass eine Arbeitsgruppe der Europäischen Vereinigung der Reproduktionsmediziner (ESHRE) bereits vor zwei Jahren einräumte, die Zusammensetzung dieser Medien und deren Auswirkungen auf die Embryonen seien nicht bekannt (Sunde et al.: Time to take human embryo culture seriously, in: Human Reproduction). Ihr Aufruf, dieses Problem ernst zu nehmen, verlief offenbar im Sand.

Als Heilpraktikerin, die auf eine integrative Kinderwunschbehandlung in Zusammenarbeit mit der Reproduktionsmedizin setzt, finde ich diese Ergebnisse erschütternd, denn bevor mögliche Risiken durch Kulturmedien nicht geklärt sind, kann ich Kinderwunschpaaren nicht mehr guten Gewissens zu einer künstlichen Befruchtung durch IVF oder ICSI raten. Der intergrative Teil meines Ansatzes muss sich dann auf diejenigen beeinträchtigenden Faktoren beschränken, die sich durch Operationen beheben lassen (Endometriose, Durchgängigkeit der Eileiter, Myome, etc.).

Gesundheit der Eltern als wichtigster Faktor

Aus Sicht der chinesischen Medizin kann ich die Ergebnisse des britischen Embryologen nur unterstreichen, dass die Gesundheit der Eltern zum Zeitpunkt der Zeugung entscheidend ist. Genau darauf wirke ich in meiner Praxis hin. Mir ist bewusst, dass viele Kinderwunschpaare unter einem großen Druck stehen und meinen, sich nicht die Zeit nehmen zu können, ihren Körper in die bestmögliche Form für eine Zeugung zu bringen. Aber vielleicht gibt es ihnen zu denken, dass sie damit in die Gesundheit ihres Nachwuchses investieren.