Tipps für ein besseres Spermiogramm

2017 zeigte eine Studie, dass der Lebensstil erheblichen Einfluss auf das Spermiogramm hat. Die Chinesische Medizin hat in diesem Bereich viel zu bieten.

Rückseite

„Willkommen im Team Sperm“ begrüßte Olivia Krammer-Pojer ihre Zuhörer im Kurs zur Behandlung männlicher Unfruchtbarkeit auf dem TCM-Kongress in Rothenburg. Die österreichische Ärztin ist auf die Kinderwunsch-Behandlung mit Chinesischer Medizin spezialisiert. Sie plädiert dafür, das Spermiogramm durch Änderung des Lebensstils zu verbessern.

Laut Statistik liegen die Ursachen für unerfüllten Kinderwunsch

  • zu 40 Prozent bei der Frau
  • zu 40 Prozent beim Mann und
  • zu 20 Prozent bei beiden Partnern oder die Ursache ist unbekannt

Das bedeutet: die Probleme liegen genauso häufig beim Mann wie bei der Frau. Behandelt wird aber in 90 Prozent der Fälle von unerfülltem Kinderwunsch nur die Frau. Als Ursache für dieses Ungleichgewicht vermutet Krammer-Pojer, dass die gesunkene männliche Fruchtbarkeit lange Zeit übersehen wurde. Allerdings korrigierte die WHO die Normwerte für das Spermiogramm eines fruchtbaren Mannes bereits im Jahr 2010 nach unten.

Das Spermiogramm eines fruchtbaren Mannes

Referenzwert 2010                                          (Referenzwert 1999)

Samenvolumen:                       1,5 ml             (2 ml)
Spermienkonzentration:        15 Mio/ml     (20 Mio/ml)
Spermienzahl/Ejakulat:         39 Mio           (40 Mio)
Progressive Motilität (A+B):  32%                (50%)
Totale Motilität (A+B+C):      40%                 (50%)
Normal geformt:                      > 4%               (>14%)

Krammer-Pojer plädiert dafür, sich an den Referenzwerten von 1999 zu orientieren, wenn man die Fruchtbarkeit eines Mannes beurteilen möchte. Sie beklagte, dass die Reproduktionsmedizin im Falle eines ungünstigen Spermiogramms auf IVF/ICSI zurückgreife, um die Vereinigung von Eizelle und Sperma zu erleichtern. Allerdings könne man sich damit langfristig nicht zufrieden geben. Es müsste vielmehr etwas getan werden, um die Spermienzahl und -qualität zu verbessern.

In bestimmten Fällen sollte auch der Defragmentierungsindex DFI bestimmt werden. Er gibt Auskunft über die Brüchigkeit der DNA-Stränge in den Spermien. Ist er größer als 25 Prozent, sind Probleme mit der männlichen Fruchtbarkeit zu erwarten. Bisher wird das selten gemacht, sollte aber in Betracht gezogen werden, wenn es in der Vorgeschichte trotz eines normgerechten Spermiogramms wiederholt Fehlgeburten gab.

Das „Spermageddon“ in den westlichen Industrieländern

Im Jahr 2017 erregte eine Übersichtsstudie von H. Levine et al: Temporal Trends in sperm count: a systematic review an meta-regression analysis erstmals öffentliches Aufsehen.
Die Autoren werteten Daten von annähernd 43000 Männern aus 50 Ländern aus. Diese Daten waren zwischen 1973 und 2011 erhoben worden. Die Autoren stellten fest, dass die Spermienkonzentration der Männer im fruchtbaren Alter um 52,4 Prozent zurückgegangen war und die Gesamtzahl der Spermien sogar um 59,3 Prozent. Jedoch nur in den westlichen Industrieländern! In Südamerika, Asien und Afrika hatten sich die Werte nicht verschlechtert. Das lässt darauf schließen, dass im Wesentlichen unser Lebensstil die Fruchtbarkeit beeinträchtigt. In Sachen Prävention und Heilung durch eine Änderung des Lebensstils (Yang Shen) hat die Chinesische Medizin einiges zu sagen.

Lebensstil für ein verbessertes Spermiogramm

Vorweg: Spermien brauchen zum Ausreifen 76 Tage. D.h. man sollte seinen Lebensstils mindestens drei Monate lang verändert haben, bevor man das Spermiogramm erneut überprüft.

Alkohol: Auf dem TCM Kongress in Rothenburg nannte Olivia Krammer-Pojer folgende Richtwerte: Bei Kinderwunsch sollte man weniger als einen Liter Bier oder einen halben Liter Wein pro Tag trinken.

Rauchen: schränkt die Beweglichkeit der Spermien ein und erhöht die Brüchigkeit der Spermien-DNA. Bei Kinderwunsch unbedingt mit dem Rauchen aufhören und etwa 3 Monate bis zum ersten Zeugungsversuch warten

Cannabis: der reinste Sperma-Killer

Medikamente: z.B. Antibiotika, Cortison, Antihistamine (besonders Ceterizin), Blutdrucksenker, Testosteron, Magensäure-Blocker (besonders Cimetidin), Anabolika, Anti-Epileptika, Psychopharmaka; seit kurzem steht sogar Ibuprofen im Verdacht, die Testosteron-Produktion zu stören. Die Effekte von Medikamenten sind größtenteils reversibel.
Mein Tipp: Prüfen Sie die Beipackzettel aller Medikamente, die sie im letzten halben Jahr genommen haben, auf Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit. Falls nötig, sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Apotheker über Alternativen.

Zu warme Hoden: Die Spermien bevorzugen eine Temperatur, die etwa 3 Grad unter der Körpertemperatur liegt, weshalb die Hoden auch ausgelagert sind.
Meine Tipps:

  • Vermeiden Sie heiße Bäder, Sauna und Sitzheizung
  • Tragen Sie Unterhosen und Hosen, in denen die Hoden nicht zu eng an den Körper gepresst werden (Olivia Krammer-Pojer verwies mit einem Augenzwinkern auf eine schottische Studie, die Kilt-Trägern ein besseres Spermiogramm bescheinigte)
  • Laptop vom Schoß nehmen und Handy aus der Hosentasche- auch wegen möglicher Risiken für DNA-Schäden durch Strahlung

Übergewicht: Statistisch gesehen gibt es einen Zusammenhang zwischen Übergewicht und eingeschränkter Fruchtbarkeit sowohl beim Mann als auch bei der Frau. Übermäßiges Essen stört die hormonelle Regulation der Hoden und Eierstöcke durch den Hypothalamus und die Hypophyse (die Hirnanhangsdrüse). Übrigens verbessert rasches Abnehmen nach einer Magenband-OP die Spermienqualität nicht.
Mein Tipp: Machen Sie eine Ernährungsberatung nach der Chinesischen Medizin; nach einer ausführlichen Anamnese erhalten Sie individuelle Empfehlungen zu Nahrungsmitteln, die für Sie geeignet sind. Zum Beispiel nehmen Menschen, die aus Sicht der TCM unter der Ansammlung von Schleim leiden, oft schon ab, wenn sie konsequent auf Milchprodukte verzichten. Der österreichische Arzt Georg Weidinger unterscheidet in seinem Buch „Die Heilung der Mitte“ zwischen „gesunden Dicken“ und „kranken Dicken“. Die gesunden haben trotz ihres Übergewichts Energie und fühlen sich wohl. Es wäre interessant zu überprüfen, ob sie auch ein gutes Spermiogramm haben. Mehr dazu im Beitrag: Abnehmen mit chinesischer Medizin

Unregelmäßiges Essen und Ernährungsfehler: Eine Meta-Analyse aller Studien zu diesem Thema aus dem Jahr 2017 kommt zu dem Ergebnis, dass die mediterrane Diät die männliche Fruchtbarkeit am besten fördert. Sie basiert auf Fisch und Meeresfrüchten, Olivenöl, Nüssen, Getreide, Gemüse und Obst und ist somit reich an Omega-Fettsäuren und Antioxidanzien, Vitamin D und Folsäure. (Karyannis et al. Association between adherence to the Mediterranean diet and semen quality parameters in male partners of couples attempting fertility). Diese sollten zur Steigerung der Fruchtbarkeit zusätzlich in Form von Nahrungsergänzungsmitteln (s.u.) eingenommen werden. Übrigens ist die mediterrane Diät auch gut, um Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen.
Meine Tipps:

  • Essen Sie regelmäßig
  • das Frühstück sollte die Hauptmahlzeit sein
  • die letzte Mahlzeit spätestens 2 Stunden vor dem Schlafengehen einnehmen
    Vermeiden Sie Zucker
  • schränken Sie Kaffee (1-2 Tassen täglich) ein
  • Vermeiden Sie verarbeitete Fleischprodukte (Salami, Wurst aus der Dose) und Fertiggerichte
  • Mehr zur Ernährung nach Chinesischer Medizin in: Georg Weidinger: Die Heilung der Mitte
  • Kaufen Sie sich ein Kochbuch mit Rezepten der Mediterranen Küche und schwelgen Sie in kulinarischen Urlaubserinnerungen

Exzessiver Sport: Durch exzessiven Sport sinkt der Testosteron-Spiegel. In einer Studie, in der Männer 5x pro Woche 2 Stunden Sport trieben, wurde ein Testosteron-Abfall um durchschnittlich 40 Prozent gemessen und eine Reduktion der Spermien-Qualität um 50 Prozent (Jozkow et Rossato: The Impact of Intense Exercise on Semen Quality). Als gute Sportarten für die männliche Fruchtbarkeit nannte Krammer-Pojer in Rothenburg Laufen und Reiten. Auf lange Strecken mit dem Rennrad (bzw. mehr als 5 Stunden Radfahren pro Woche) sollte man wegen der Gefahr einer Überhitzung der Hoden verzichten. Aufpassen sollte man auch bei Wassersport, der viel Kontakt mit kaltem Wasser bringt (aus Sicht der Chinesischen Medizin führt dies zu Eindringen von Kälte, die wiederum die Beweglichkeit der Spermien hemmt).

Östrogene: sie gelangen seit den 1960er Jahren über den Urin von Frauen, die mit der Anti-Baby-Pille verhüten, ins Grundwasser und – je nach Wasserversorgung – auch ins Trinkwasser

Endokrine Disruptoren: Das sind Chemikalien oder Stoffgemische mit einer hormonähnlichen Wirkung. Sie kommen als Weichmacher in Plastikflaschen vor, als Wachstumsbeschleuniger in Fleisch und Geflügel, in manchen Konservierungsstoffen, in Kosmetika (Sonnencreme), in Wasch- und Putzmitteln und leider gelangen sie über den Boden und das Wasser auch in die Nahrungskette, so dass nicht nur die menschliche Fruchtbarkeit gefährdet ist.
Meine Tipps:

  • Wasser aus Glasflaschen trinken
  • Bio-Fleisch essen – Achtung: Tofu und andere Sojaprodukte sind nichts für Männer; sie enthaltenen Phytoöstrogene
  • Plastik in jeglicher Form möglichst vermeiden (praktische Tipps dazu in: Jennifer Sieglar: Umweltliebe)
  • Körperpflege-Produkte, Kosmetika und Putzmittel prüfen (dazu gibt es eine App: Codecheck.info)

Stress: Eine Studie aus dem Jahr 2014 über den Zusammenhang von Stress und männlicher Fruchtbarkeit kam zu dem Ergebnis, dass Stress im Job keine Auswirkung auf die Spermien hat, wohl aber häuslicher Stress, der durch unerfüllten Kinderwunsch meist zunimmt. (Janevic: Effects of work and life stress on semen quality)
Meine Tipps:

  • Beziehungsstress bearbeiten; evtl. mit professioneller Hilfe
  • Aus der Sicht der Chinesischen Medizin: besonders auf unterdrückten Ärger und unerfüllte Wünsche (auch beim Sex) achten

Fortgeschrittenes Alter: Auch für den Mann tickt die biologische Uhr. Zwar ist er prinzipiell bis ins hohe Alter zeugungsfähig, weil die Spermien ein Leben lang produziert werden, jedoch werden es weniger, und auch die Beweglichkeit der Spermien nimmt ab. Wie eine Studie an Männern über 45 Jahren zeigte, erfüllt nur noch die Hälfte der Männer ab diesem Alter die WHO-Kriterien für ein Spermiogramm, das Zeugungsfähigkeit ohne Hilfe der Reproduktionsmedizin verspricht. (Hellstrom: Semen and sperm reference ranges for men 45 years of age and older).

Belastbares Studienmaterial zu der Frage, ab welchem Alter sich das Spermiogramm verschlechtert, ist bislang nicht ausreichend vorhanden. Es wird auf etwa 40 bis 45 Jahre geschätzt. Ab diesem Alter steigt das Risiko für Komplikationen während der Schwangerschaft und Erkrankungen des Kindes. (R. Ramasamy: Male biological clock: a critical analysis of advanced paternal age)
Mein Tipp: Nahrungsergänzungsmittel, die Antioxidantien erhalten, verbessern die Spermien-Qualität:

  • Resveratrol, ein Stoff der in roten Weintrauben gehäuft vorkommt, jedoch nicht in den erforderlichen Mengen (500 mg täglich)
  • Zink, Kupfer, SelenVitamin C und D (als Kompräparat z.B. Orthomol fertil plus)
  • Olivia Krammer-Pojer empfahl auf dem TCM-Kongress auch noch Tradafertil; es enthält die Pflanze Tribulus terrestris, welche die Produktion der männlichen Hormone (Testosteron) fördert und die Alge Ecklonia Bicyclis, ein starkes Antioxidanz

Akupunktur und Phytotherapie

Wenn der männliche Partner dafür offen ist, empfehle ich, die Fruchtbarkeit durch eine individuelle Therapie zu verbessern. Dazu ist eine ausführliche Diagnose des zugrunde liegenden Krankheitsmusters nach Chinesischer Medizin erforderlich. Es folgt eine gezielte Behandlung mit Akupunktur (nach Möglichkeit 1x wöchentlich über 3 Monate) und/oder Phytotherapie.

Dank: Die Hinweise auf die zitierten Studien habe ich folgendem Artikel entnommen:

Olivia Krammer-Pojer: Männliche Unfruchtbarkeit auf dem Vormarsch. Ursachen und Behandlungsstrategien mit Chinesischer Medizin, in: Qi. Zeitschrift für Chinesische Medizin 2/2019, S. 12-17 .