Qi Gong: “Morgens musst Du mit dem Körper a...

Qi Gong und Sport sind gesund und halten fit. Aber oft vergessen wir dabei die Freude und Unbeschwertheit. Das hat mich der Besuch im Zen Kloster gelehrt.

Rückseite

Letzte Woche war ich wieder für ein paar Tage im Zen-Kloster Waldbröl. Dort fängt der Tag um 6 Uhr mit einer Stunde Qi Gong an. Ich mag das besonders im Sommer, weil es dann schon hell ist und beim Üben die Sonne aufgeht.

Das European Institute of Applied Buddhism (EIAB) ist eine Gründung des Zen-Meisters Thich Nhat Hanh. Inzwischen üben sie dort jeden Morgen das Rückkehr-zum-Frühling Qi Gong. Im Sommer ist es draußen auf der Terasse vor dem Haupteingang mit Blick auf den Park besonders schön. Ich bin oft schon etwas früher dort, um in Ruhe meine Tasse heißes Wasser zu trinken und die Stimmung des Morgens zu genießen. Die Blumen sehen zu dieser Tageszeit noch ganz frisch aus und die Bäume verströmen eine angenehme Kühle.

Zu Beginn legt Thay Phap An chinesische Musik auf und Schwester Song Nhiem beginnt mit den Aufwärmübungen. Sie ist klein und mit ihren 65 Jahren (die man ihr nicht ansieht) agiler und beweglicher als mancher Kursteilnehmer. In einem früheren Kurs hat sie mal erzählt, ihr Vater habe immer darauf geachtet, dass seine Kinder täglich Sport treiben. Auch der Abt Thay Phap An vertritt die alte Weisheit, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper wohnt.

“Morgens musst Du aus dem Bett kommen und mit dem Körper arbeiten”, sagt Thay Phap An. “Auch und gerade, wenn Du Dich nicht so gut fühlst, schlecht geschlafen hast oder unter Schmerzen leidest. Im Körper steckt immer mehr Energie, als man denkt. Und die kannt man durch Qi Gong und tiefem Atmen am Morgen mobilisieren.”

Das weiß Thay Phap An aus eigener leidvoller Erfahrung. Schwester Song Nhiem erzählt, es habe eine Phase gegeben, da konnte Thay Phap an sich vor Schmerzen kaum bewegen. Sie habe ihn jeden Morgen aus dem Bett geholt und mit ihm Qi Gong geübt. Diese Geschichte erzählt sie einem Kursteilnehmer, der seit Wochen an starken Schmerzen leidet und durch eine Phase der Depression geht.

Bewegung knüpft an die Unbeschwertheit der Kindheit an

Anne Hardy/Anne Hardy-Vennen

Egal, welchen Kurs man gebucht hat, beginnt der Tag für alle am EIAB mit einer Stunde Qi Gong. Manchmal kommen auch einige der jungen Nonnen dazu und es ist eine wahre Freude zu sehen, mit welcher Vitalität sie sich in ihre braunen Kutten bewegen. Da die meisten Mönche und Nonnen am EIAB recht jung sind (geschätzt im Alter zwischen 20 und 30 Jahren), gehören Fußballspielen (für die Mönche), Federball (für die Nonnen) und Tischtennis (für Mönche und Nonnen) zu den beliebten Freizeitbeschäftigungen. Letzte Woche verbrachte eine Gruppe von 80 vietnamesischen Kindern und Jugendlichen aus Tschechien ihre Ferien am EIAB und die betreuenden Mönche und Nonnen spielten mit ihnen draußen auf der Terasse und im Park.

Es ist wohltuend zu beobachten, das die “Monastics” sich bei aller Ernsthaftigkeit ihrer spirituellen Praxis diese Unbeschwertheit und Verspieltheit erlauben. In Vietnam (und die allermeisten Mönche und Nonnen im EIAB sind Vietnamesen) treten viele schon sehr jung ins Kloster ein. In einem Text von Thich Nhat Hanh habe ich einmal gelesen, dass er sich über einen jungen Mönch geärgert hat, weil dieser nicht aufmerksam bei seiner Aufgabe war, und er hat ihn zurecht gewiesen. Dann aber hat er verstanden, dass er einfach nur ein Junge war, der gerne spielen gehen wollte und er schickte ihn an die frische Luft.

Nun ist es so, dass viele sich im Erwachsenenalter nicht mehr so viel bewegen, oder nur noch gezielt trainieren, weil es gesund ist oder sie an ihrer Fitness arbeiten wollen. Oft steht dabei mehr der Gedanke an Leistung im Vordergrund. Beim Qi Gong geht es vorwiegend um(die Wiederherstellung der) Gesundheit oder später um eine spirituelle Praxis.  Aber als ich die Mönche und Nonnen in Waldbröl beobachtet habe, kam mir der Gedanke, mir an ihrer Verpieltheit ein Beispiel zu nehmen. Weil ich glaube, dass dies auch eine Möglichkeit ist, an Glücksgefühle aus der Kindheit anzuknüpfen. Oder, um es psychologisch zu sagen: Es ist eine Möglichkeit, die Stärken des inneren Kindes wiederzubeleben; seine Fähigkeit, sich aus purer Freude zu bewegen und ganz im Augenblick zu leben.