Künstliche Befruchtung im natürlichen Zyklus

Natural cycle IVF oder ICSI ist eine gute Alternative, wenn die hormonelle Stimulation von herkömmlicher IVF/ICSI als zu belastend empfunden wird. Hier wird erklärt, wie sie funktioniert und für wen sie geeignet ist.

Rückseite

Niedriger AMH-Wert? Geringe Anzahl von Follikeln trotz starker Stimulation? Für viele Kinderwunsch-Paare sind das entmutigende Nachrichten. Das muss aber nicht sein. In einem solchen Fall lohnt sich eventuell ein Versuch mit „natural cycle IVF/ICSI“.

Am Wochenende hatte ich eine sehr interessante Fortbildung bei Dr. Eva-Maria Boogen vom Kinderwunsch Zentrum Bonner Bogen. Sie stellte die aktuellen Techniken der Reproduktionsmedizin vor und erwähnte dabei eine Möglichkeit, von der ich bisher noch nichts gehört hatte: „Natural Cycle IVF“ bzw. „Natural Cycle ICSI“. Sie erwähnte diese Technik zunächst im Zusammenhang mit einem niedrigen AMH-Wert.

Ein niedriger AMH-Wert (kleiner als 0,1 ng/ml) bedeute nämlich nicht das „Aus“ für den Kinderwunsch, solange die Frau noch einen regelmäßigen Zyklus habe, so Dr. Boogen. Tatsächlich lasse sich aus dem AMH-Wert allein nur in 58 Prozent der Fälle korrekt vorhersagen, dass eine Frau nicht mehr schwanger wird. Umgekehrt wird der Erfolg einer Schwangerschaft aufgrund des AMH-Wertes auch nur in 63 Prozent der Fälle richtig vorhergesagt. Um die Chancen für die Erfüllung eines Kinderwunsches besser beurteilen zu können, muss zusätzlich der FSH-Wert berücksichtigt werden. Liegt dieser über 45 mlU/ml, geht die Frau „in Richtung Wechseljahre“.

Tatsächlich steigt der FSH-Wert einige Jahre vor den Wechseljahren an, weil die Follikel mit zunehmendem Alter der Frau stärker stimuliert werden müssen, um heranzureifen. Eine externe Stimulation mit FSH (Gonal-F, Puregon), LH (Luveris) oder Kombipräparaten (FSH+LH:Pergoveris; FSH+LH+hCG: Menogon HP/Menopur) ist nach der Erfahrung von Dr. Boogen nur sinnvoll, wenn der FSH-Wert kleiner ist als 15 mlU/ml. Liegt er höher, dann werde auch eine teure medikamentöse Stimulation nur vergleichsweise wenige Follikel hervorbringen. In diesem Fall gibt sie der Befruchtung im natürlichen Zyklus (natural cycle) den Vorzug.

Wie funktioniert natural cycle IVF/ICSI?

Bei der Befruchtung im natural cycle lässt man den Follikel im natürlichen Zyklus heranreifen. Man beobachtet ihn durch engmaschige Ultraschall- und Laborkontrollen. Ab einer Follikelgröße von ca. 15 mm hemmt man den Eisprung, entweder durch die Gabe von Ibuprofen oder GnRH-Antagonisten (z.B. Cetrocitide, Orgalutran) bis man den LH-Anstieg messen kann, der einen bevorstehenden Eisprung anzeigt. Alternativ kann man den Eisprung auch medikamentös auslösen.

In beiden Fällen wird ca. 35 Stunden später die natürlich gereifte Eizelle entnommen und in der Petrischale befruchtet (mit IVF oder ICSI). Dr. Boogen entnimmt die Eizellen nach Möglichkeit nur unter lokaler Betäubung. Die befruchtete Eizelle lässt sie in der Regel bis zum 5. Tag heranreifen und setzt sie dann in die Gebärmutter ein. Wenn alles gut geht und es zu einem Embryotransfer kommt, liegen die Erfolgschancen für den „natural cycle“ bei etwa 20 Prozent. Sie sind damit nur etwas geringer, als bei herkömmlichem IVF/ICSI.

Die Vorteile von natural cycle:

  • es ist risikoärmer, weil keine Überstimulation zu befürchten ist
  • es ist für die Frau weniger belastend
  • es ist kostengünstiger
  • die Gefahr einer Mehrlingsschwangerschaft ist ausgeschlossen
  • der Aufbau der Gebärmutterschleimhaut wird nicht durch die Gabe von Follikelwachstum stimulierenden Hormonen behindert

Die Nachteile:

  • es kann trotz engmaschiger Überwachung zu einem vorzeitigen Eisprung kommen, so dass die Eizelle nicht mehr entnommen werden kann
  • im Durchschnitt sind mehr Zyklen notwendig, bis es zu einer Schwangerschaft kommt

Für wen ist „natural cycle IVF/ICSI“ geeignet?

  • Frauen mit einem regelmäßigen Zyklus
  • Frauen, die trotz hoher Gaben von Follikel Stimulierenden Hormonen nur wenige Follikel entwickeln
  • Frauen, die sehr stark auf die Stimulation ansprechen, so dass die Gefahr eines ovariellen Hyperstimulations-Syndroms besteht (z.B. bei PCOS)
  • Frauen, bei denen eine Stimulation riskant ist (bei Thrombophilie oder nach einem Brustkrebs mit Rezeptoren für Östrogen)

Was mir zusätzlich zu den genannten Vorteilen an dem Ansatz gut gefällt, ist, dass man mehr auf Qualität statt auf Quantität setzt. Dadurch, dass man nur einen Follikel heranreifen lässt, gewinnt in der Kohorte aller heranreifenden Follikel in einem Zyklus der „fitteste“. Eine zweite Chance bekommt die natürliche Selektion, wenn das Spermiogramm eine IVF erlaubt. Dann gewinnt das fitteste Spermium bei der Befruchtung der Eizelle.

Welche Methode für das jeweilige Paar am besten geeignet ist, hängt ja letztlich nicht nur von Laborwerten ab, sondern auch von persönlichen Umständen wie der Belastbarkeit und den bereits getätigten Investitionen. Deshalb fand ich den Ansatz von Eva-Maria Bogen so gut: Sie hat im Blick, ob die eingesetzten Mittel und Ressourcen auch in einem guten Verhältnis zum erwarteten Ergebnis stehen.