Wachen Sie morgens nicht erholt auf? Können Sie nicht einschlafen oder liegen Sie nachts wach?  Schlafstörungen mindern nicht nur die Leistung, sondern belasten auch die Psyche.  Mit Akupunktur kann man sie differenziert und ohne Nebenwirkungen behandeln.

Wenn ein Patient mir berichtet, dass er regelmäßig morgens nicht erholt aufwacht, frage ich zunächst nach den äußeren Umständen: Wie viele Stunden schläft er? Ein gesunder Mensch braucht durchschnittlich sieben Stunden Schlaf. Weniger als fünf Stunden sollten es auf Dauer nicht sein. Neben der Schlafdauer ist auch der Schlafrhythmus wichtig. Wird die innere Uhr, die unseren Schlaf-Wach-Rhythmus steuer, durch Schichtdienst oder häufige Dienstreisen in andere Zeitzonen aus dem Takt gebracht, leidet die Schlafqualität. Zwar kann man mit Akupunktur einen Jet Lag regulieren, aber wenn man durch einen unregelmäßigen Schlafrhythmus eine ausgeprägte Schlafstörung entwickelt, helfen nur regelmäßige Schlafzeiten.

Äußere Bedingung können auch die Schlafqualität stören: Mütter, die nachts durch ihre Kinder aufgeweckt werden, ein schnarchender Partner, Straßenlärm. Hier wird man mehr oder weniger gute Lösungen finden wie einen Mittagsschlaf, Ohrstöpsel oder Lärmschutzmaßnahmen. Zunehmend wird auch „Lichtverschmutzung“ diskutiert. Wenn es zu hell ist (und das gilt besonders für den blauen Teil des Spektrums, der auch in Bildschirmen dominiert), produziert das Gehirn weniger Melatonin, ein „Schlafhormon“.

Zuweilen leidet die Schlafqualität auch durch einschneidende Ereignisse wie einen Umzug, eine Trennung oder den Tod eines nahen Menschen. Schlafstörungen treten außerdem häufiger in bestimmten Lebensphasen wie der Pubertät und den Wechseljahren auf. Ein Therapeut für Chinesische Medizin wird diese Faktoren in die Behandlung einbeziehen. Eine behandlungsbedürftige Schlafstörung liegt vor, wenn schlechter Schlaf und eingeschränkte Leistungsfähigkeit über mehr als einen Monat bestehen.

Wenn der Schlaf nicht kommen will

Die meisten Menschen mit Schlafstörungen haben schon einiges ausprobiert, bevor sie zu Schlafmitteln greifen: Beruhigende Tees oder Bäder mit Kräutern wie Melisse, Baldrian, Passionsblume oder Hopfen (auch in Form von Bier), Sport nach der Arbeit, ein Glas Rotwein am Abend und Verzicht auf elektronische Medien vor dem Schlafengehen (siehe auch Schlafstörungen in der TCM und Besser schlafen mit Klostermedizin). Aber diese Maßnahmen helfen nicht bei jedem Typ von Schlafstörung. Deshalb empfiehlt sich eine differenzierte Diagnose nach Chinesischer Medizin. Bei den Einschlafstörungen unterscheidet der TCM-Schlafexperte Hamid Montacab zwei Typen:

Typ 1 liegt ruhig im Bett und ist wach genug um zu lesen. Was ihn am Einschlafen hindert, ist das Gedanken-Karussel.

Typ 2 wirft sich unruhig im Bett hin und her. Dazu können unterschiedliche körperliche Symptome kommen:

  • angespannte Muskeln oder Muskelzucken während des Einschlafens
  • Wadenkrämpfe oder restless legs
  • Zähneknirschen und Schulter-Nacken-Verspannungen
  • Lust auf Essen
  • trockener Mund und Durst
  • Nachtschweiß
  • nächtliches Wasserlassen
  • verkrustete Augen am Morgen

Diese Symptome sind Hinweise auf innere Disharmonien, die der TCM-Therapeut mit einer individuellen Kombination von Akupunktur-Punkten behandeln wird. Gerade bei Symptomen, die eine Schwäche der inneren Organe anzeigen (Nachtschweiß, nächtliches Wasserlassen) sind zusätzlich Kräuterrezepturen angezeigt.

Aufwachen mitten in der Nacht

Wenn Sie abends todmüde ins Bett fallen und gut einschlafen können, dafür aber immer wieder zur selben Zeit in der Nacht aufwachen, wird der TCM-Therapeut zunächst fragen, zu welcher Uhrzeit Sie aufwachen. Häufig ist die Antwort: Zwischen 1 und 3 Uhr morgens. Das ist laut Organuhr die Zeit der Leber. Das Organsystem der Leber reagiert, wenn wir unter Stress stehen. Aufwachen zwischen 3 und 5 Uhr morgens ist mit dem Organsystem der Lunge verknüpft. Häufig treten während dieser frühen Stunden auch Asthmaanfälle auf.

Auch bei den Durchschlafstörungen gibt es wieder 2 Typen:

Typ 1 ist mitten in der Nacht hellwach; körperlich geht es ihm gut. Meist fängt er an zu grübeln, versucht, Probleme zu lösen oder schmiedet Pläne.

Typ 2 wacht mit körperlichem oder psychischem Unbehagen auf. Typische Symptome sind:

  • Durst und Herzklopfen, Herzrasen
  • innere Unruhe, unruhiger Schlaf mit vielen Träumen
  • Albträume
  • Schlafwandeln
  • Nachtschweiß mit Hitzegefühl an Handflächen, Fußsohlen und Brust
  • Asthma

Aufwachen vor dem Wecker

Die dritte Art von Schlafstörung ist das zu frühe Aufwachen. Oft passiert das den Betroffenen auch am Wochenende oder im Urlaub. Typ 1 ist wieder hellwach und grübelt. Typ 2 wacht hingegen mit innerer Unruhe und Ängsten auf. Meist geschieht das nach einer Nacht mit unruhigem Schlaf und häufigem Aufwachen. Bei diesem Typ findet man auch den „Hahnenschrei-Durchfall“ zwischen 5 und 7 Uhr morgens. Nach der Organuhr ist das die Zeit des Dickdarms und zugleich die schwächste Zeit der Niere. Schwache Nieren machen wiederum anfällig für Ängste.

Schlafstörungen in der Praxis behandeln

Nach einer ausführlichen Befragung bitte ich den Patienten, sich auf die Liege zu legen, damit ich bestimmte Akupunkturpunkte an den Unterschenkeln drücken kann. Sind sie druckempfindlich, behandle ich den zugehörigen Sondermeridian mit Akupunktur. Zusätzlich füge ich Punkte hinzu, die auf die individuellen Symptome abgestimmt sind. Oft kombiniere ich die Behandlung mit chinesischen Arzneimittelrezepturen. Bei chronischen Schlafstörungen empfehle ich einen Behandlungszeitraum von 3 bis 6 Monaten.

Studien zu Akupunktur bei Schlafstörungen

Der Arzt Hamid Montakab, Mitbegründer und Präsident der Schweizerischen Berufsorganisation für TCM, hat dieses Verfahren erstmals 1994 in einer klinischen Studie an 40 Patienten mit primärer Schlafstörung getestet. Die Teilnehmer litten im Mittel seit 7,5 Jahren unter Schlafstörungen. IhrAlter lag zwischen 26 und 60 Jahren. Die 22 Frauen und 18 Männer mussten zwei Monate vor Studienbeginn alle Schlafmittel absetzen, ebenso Schmerzmittel, Entzündungshemmer und Antihistamine. Sie wurden nach dem Zufallsprinzip auf zwei Gruppen aufgeteilt. Während die eine Gruppe mit individualisierter Akupunktur behandelt wurde, erhielt die Vergleichsgruppe eine Schein-Akupunktur. Alle Teilnehmer wurdeninnerhalb von 4 Wochen 3 bis 5 mal behandelt.

Montakab fragte die subjektiven Verbesserung des Schlafs mithilfe standardisierter Fragebögen ab. Eine objektive Bewertung geschah durch zwei Nächte im Schlaflabor – eine zu Beginn der Studie und eine innerhalb von drei Tagen nach ihrem Ende.  In der Akupunkturgruppe verbesserte sich die Schlafdauer und -qualität sowohl subjektiv als auch objektiv. In der zweiten Nacht im Schlaflabor war der Schlaf stabiler, d.h. es gab weniger Wechsel zwischen den einzelnen Schlafphasen. Die Verbesserung wurde bei 30 Prozent der Teilnehmer als gut eingestuft, bei 55 Prozent als befriedigend. In der Kontrollgruppe fühlten sich die Teilnehmer subjektiv auch besser, jedoch war der Effekt weniger ausgeprägt als in der Interventionsgruppe.

Wir brauchen mehr gute Studien

Schaut man in der medizinischen Datenbank Pubmed nach, findet man die neuste Metastudie zu diesem Thema aus dem Jahr 2018. Die Autoren haben insgesamt 41 prospektive und randomisierte Studien zu primären Schlafstörungen verglichen. Das chinesische Autorenteam um Ying Li kommt zu dem Schluss, dass Akupunktur zumindest  kurzzeitig hilft. Außerdem ist sie sicherer als Schlaftabletten. Allerdings seien die Standards noch nicht gut genug etabliert. Das gilt für diagnostische Kriterien, die Evaluation der Effizienz, den Beobachtungszeitraum und die Kontroll-Medikation. Ich finde diese Metaanalyse zumindest ermutigend und wünsche mir weitere, verbesserte Studien.

Referenzen:

H Montakab, G Langel: The Effect of Acupuncture in the treatment of Insomnia, in Schweiz Med Wochenschr 62, 49-54 (1994)

Ying Li et al: Clinical Curative Effect Research Status and Analysis of Acupuncture Treatment for Primary Insomnia, in Zhongguo Zhen Jiu 38 (7), 793-7 (2018)