Hildegard von Bingen und das Märchen vom Dinkel

Rückseite

Von Hildegard ist kein einziges Dinkelrezept überliefert. Sie hat das Getreide zwar empfohlen, aber ausführlicher schreibt sie über „feinen Weizen“.

Es war eine herbe Enttäuschung, als der Leiter der Forschergruppe Klostermedizin, Dr. Johannes Gottfried Mayer, uns letzte Woche erzählte, dass die Dinkel-Küche nicht auf Hildegard von Bingen zurückgeht. Mayer muss es wissen, denn er hat das mehrbändige Werk „Causae et curae“ (Ursachen und Behandlungen) gelesen, in dem Hildegard ihr Heilwissen hinterlassen hat. Zwar erwähnt die Äbtissin den Dinkel lobend, aber viel ausführlicher schreibt sie über den Weizen.

Warum beziehen sich dann heute so viele Dinkel-Kochbücher auf Hildegard von Bingen? Mayer sagt, das kam so: In den 1950er und 1960er Jahren machte der Medizinhistoriker Heinrich Schipperges die Schriften Hildegards bekannt. Er gab auch eine Edition ihrer Werke heraus, die wiederum der Österreichische Arzt Dr. Gottfried Hertzka als Grundlage für seine „Hildegard-Medizin“ verwendete.

Hertzka hatte sich schon während seines Medizinstudiums in den 1930er Jahren mit den lateinischen Schriften Hildegards beschäftigt. Er verbrachte während der NS-Zeit neun Monate im KZ seines Heimatorts Amberg, weil er sich als Militärarzt nicht an den Menschenversuchen und dem Massenmord der Nazis beteiligen wollte. Er soll Gott gelobt haben, der Welt die Hildegard-Medizin zu bringen, wenn er dieses Grauen überlebt. Hertzka war davon überzeugt, dass die heilkundlichen Schriften Hildegards auf göttlicher Eingebung beruhen. Tatsächlich hat Hildegard das selbst nie behauptet – ganz anders, als bei ihren anderen theologischen Schriften.

Woher stammte das Wissen Hildegards?

Sie war zwar eine Adlige, besaß aber keine formale Bildung. Geboren 1098, wurde sie schon mit acht Jahren ins Benediktiner-Kloster auf dem Disibodenberg gegeben. Dort lebte sie mit wenigen Nonnen sehr abgeschieden in einer Klause. Das änderte sich kaum, als sie mit 38 Jahren „Meisterin der Klause“ wurde.

Erst als Papst Eugen III. auf der Synode von Trier 1147 ihre theologischen Schriften als visionär anerkannte, wurde Hildegard schlagartig berühmt. Ihre kleine Kommunität erhielt immer mehr Zulauf, so dass sie ein eigenes Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen gründete. Die zentrale Lage am Rhein wird Hildegard mit durchreisenden Gelehrten in Kontakt gebracht haben. Aber zu einer Bibliothek mit den zeitgenössischen medizinischen Schriften hatte sie keinen Zugang. Sehr wahrscheinlich schrieb Hildegard das volksmedizinische Wissen ihrer Zeit auf. Sie ist die einzige Autorin der Klostermedizin, die Religion und Medizin verwebt.

Dinkel und die “Hildegard-Medizin”

1979, zum 1000. Todesjahr Hildegards, fand die Hildegard-Medizin nach Dr. Hertzka in Österreich und Deutschland weite Verbreitung. Die Empfehlung, Dinkel als Ersatz für Weizenprodukte und Heilmittel für viele Zivilisationskrankheiten zu verwenden, geht auf Dr. Hertzka zurück. Er hatte sich nach dem Krieg in Konstanz niedergelassen und produzierte seit 1955 mit einem Konstanzer Apotheker verschiedene “Hildegard-Arzneien”, die dann später von der Firma JURA im großen Stil produziert wurden. So kamen auch bundesweit in die Reformhäuser. Kochbücher mit Dinkel-Rezepten und Ernährungstipps nach Hildegard von Bingen kamen auf dem Markt.

Die Rezepte sind den Lehren der Äbtissin aber bestenfalls nachempfunden. So gab es im Mittelalter noch keine Zuckerrüben in Europa. Die Menschen nutzen Honig zum Süßen. Die bekannten „Hildegard-Kekse“ waren noch nicht einmal mit Honig gesüßt. Es handelte sich um eine Medizin. Mehr als ein bis zwei Kekse am Tag sollte der Kranke nicht essen – was angesichts des hohen Anteils an Muskatnuss auch ratsam ist.

Hildegard trank auch keinen Dinkelkaffee. Im Mittelalter war es nämlich schwierig, sauberes Trinkwasser zu bekommen. Die Menschen stillten ihren Durst vor allem mit Wein und Bier. Aus diesem Grund gibt es auch viele Rezepte für Medizinalweine und Tinkturen. Und Kräutertee trank man nur, wenn man krank war.

Was Hildegard von Bingen in “Causeae et curae” über das Essen sagte, ähnelt übrigens in mancherlei Hinsicht der Diätetik in der traditionellen chinesischen Medizin. So empfiehlt sie das warme Frühstück und sagt, man solle zeitig zu Abend essen, damit man vor dem Schlafengehen noch einen Spaziergang machen kann. Wie die alten Chinesen setzt sie auf Mäßigung: Man soll weder zu viel Essen, noch beim Fasten übertreiben. Ebenso empfiehlt sie eine Ernährung in Ausrichtung auf die Jahreszeiten.

Forschung zur Klostermedizin

Ich finde es schön, dass wir in unserer eigenen Kultur auch tradiertes Wissen zu einem gesunden und vernünftigen Leben finden. Weil dieses aber zum Teil vergessen ist, hat die Forschergruppe Klostermedizin sich zur Aufgabe gemacht, dieses Wissen durch das Studium der mittelalterlichen Texte wieder zugänglich zu machen und im Licht heutiger Erkenntnisse neu zu bewerten. Unter den Dozenten der Fortbildung Klostermedizin in der Abtei Münsterschwarzach sind eine Heilpraktikerin und Biochemikerin, zwei Apothekerinnen und ein Medizinhistoriker. Ich bin schon gespannt, wie es weitergeht!