Depressionen mit Akupunktur individuell behandeln

Die wichtigste Erkenntnis in der aktuellen Depressionsforschung ist, dass es nicht die Depression gibt, sondern verschiedene Untergruppen. In der Chinesischen Medizin kennt man die Differenzierung von Depressionen schon seit 2000 Jahren. Für jeden der fünf Typen gibt es individuelle Behandlungen.

Vor zwei Wochen war ich beim Bürgersymposium der Merz-Stiftungsgastprofessur zum Thema „Stehen wir vor einer Depressionsepidemie“. Zu Gast war die Epidemiologin Prof. Brenda Penninx von der Universität in Amsterdam. Sie untersucht seit 2004, welche Faktoren Depressionen und Ängste begünstigen. Ihr Ergebnis: Zur Hälfte sind Depressionen genetisch veranlagt, zur Hälfte werden sie von Umweltfaktoren begünstigt. Stress gilt als Risikofaktor, aber auch schlechte Ernährung und zu wenig Bewegung. Heiße Themen der Forschung sind momentan Entzündungsreaktionen und das Darm-Mikrobiom.

Das hat mich sehr interessiert. Denn in der Chinesischen Medizin findet man bereits in dem 2000 Jahre alten Klassiker „Huangdi Neijing Su Wen“ eine Unterteilung der Depressionen. Zwar spricht der Autor nicht von „Depressionen“, nennt aber die Symptome, die in der ICD-10 und DSM-5 aufgelistet sind. Das sind Listen der WHO bzw. der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft zur Beschreibung und Unterteilung psychischer Erkrankungen. Forscher hoffen, dass sie künftig für jede Untergruppe der Depression eine individuelle Therapie anbieten können. Dies praktiziert die Chinesiche Medizin bereits: Sie ordnet Depressionen den Wandlungsphasen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser zu. Für jeden Typ gibt es spezifische Behandlungsansätze mit Akupunktur. Dazu habe ich kürzlich eine Fortbildung bei dem international bekannten Experten Dr. Yair Maimon, Leiter des „Refuot“ integrative medical center in Israel, gemacht.

Depressionen früh erkennen und behandeln

Bevor ich die einzelnen Depressionstypen skizziere, ein wichtiger Hinweis: Menschen mit schweren Depressionen (insbesondere mit Suizid-Gedanken) gehören in die Hände eines erfahrenen Psychiaters. Ich behandle in meiner Praxis Menschen, die zumindest in Teilbereichen ihres Alltags noch funktionieren. Sie kommen meist wegen körperlicher Symptome, z.B. weil sie ständig müde sind, an Schlafstörungen oder Reizdarm leiden. Ich möchte dafür sensibilisieren, dass hinter diesen Symptomen Depressionen stecken können. Vielleicht erkennen Sie sich selbst oder einen nahe stehenden Menschen in den nachfolgenden Beschreibungen wieder. Dann holen Sie sich Hilfe. Wenn man Depressionen früh behandelt, ist es leichter, die Betroffenen zu stabilisieren. Bei schweren Depressionen kann die Akupunktur eine sinnvolle Ergänzung zu psychiatrischer Behandlung sein.

Trauer und Verlust

Diese Art der Depression tritt auf, wenn Menschen einen Verlust nicht verwinden können. In der westlichen Medizin/Psychologie spricht man von übermäßiger Trauer. Oft verschlimmert sich diese Depressionen im Herbst, wenn auch in der Natur die Zeichen auf Abschied stehen.
Ebenso kann sie im Herbst des Lebens auftreten, wenn die Kinder aus dem Haus gehen, die Eltern sterben und die eigene Lebenszeit überschaubarer wird. Stichwörter sind Wechseljahrsbeschwerden, empty-nest-Syndrom oder midlife crisis. Ein gesunder Mensch kann diesen Übergang bewältigen. Er lernt zu akzeptieren, dass das Leben ständig im Wandel ist (siehe dazu auch „Abschied nehmen im Herbst„).

Bei Depressionen vom Metall-Typ kann der Betroffene die Trauer nicht überwinden. Das kann den Verlust der Jugend und Schönheit betreffen. Von der Schauspielerin Greta Garbo ist bekannt, dass sie sich in ihren letzten Lebensjahren nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigte. Man sollte sie jung und schön in Erinnerung behalten. Trauer kann auch gesundheitliche Einschränkungen betreffe, z.B. nach einem Schlaganfall. Manche trauern lange nach einer gescheiteren Beziehung oder dem Tod eines Partners. Im schlimmsten Fall fühlt sich der Betroffene nicht nur leer. Er verliert die Hoffnung für das Weiterleben. In Gedanken hängt er der Vergangenheit nach. Er kann sich nicht damit aussöhnen, dass etwas unwiederbringlich verloren oder vorbei ist.

Zur Wandlungsphase Metall gehört der Funktionskreis der Lunge. Entsprechend treten bei diesem Depressionstyp häufige Erkältungen auf, Asthma, Allergien oder Hautprobleme. Es kann außerdem sein, dass der Tastsinn beeinträchtigt ist und derjenige sich weniger spürt.

Heilung und Wandlung geschieht, wenn der Betroffene lernt, seine Lebenswirklichkeit und die Vergänglichkeit des Lebens zu akzeptieren. An die Stelle von Trauer tritt Freude an der Schönheit des Augenblicks. Das ist ein Prozess, den man mit Akupunktur gezielt unterstützen kann.

Einsamkeit und Unsicherheit

Depressionen in der Wandlungsphase Wasser sind aus der Sicht der Chinesischen Medizin die schwerste Form. Sie sind dem Winter zugeordnet, der Jahreszeit, in der Kälte und Erstarrung vorwiegen. Die Energie der Pflanzen hat sich in die Wurzeln zurückgezogen. Viele Tiere verfallen in Winterstarre oder Winterschlaf. Genauso erstarrt und abgeschnitten von allem Leben fühlen sich Menschen mit einer Depression vom Wasser-Typ. Sie igeln sich ein, interessieren sich für nichts und niemanden mehr und sehen im schlimmsten Fall keinen Sinn mehr in ihrem Leben. Dazu fühlt der Betroffene sich latent unsicher und bedroht. Er kommt leicht aus dem Gleichgewicht und gerät in Panik.

Verbundene körperliche Symptome sind Schmerzen im unteren Rücken, Nachtschweiß, schwache Libido, Schweregefühl im Brustkorb und schwaches Gedächtnis. In schweren Fälle ist das Denken und Sprechen unzusammenhängend.

Bei Depressionen vom Wassertyp sind Schlafstörungen besonders ausgeprägt: entweder leiden die Betroffenen unter Ein- und Durchschlafstörungen und sie wachen sehr früh. Oder sie müssen sehr viel schlafen und fühlen sich trotzdem nicht erholt. Es kann auch sein, dass der Schlaf-Wach-Rhythmus sich völlig verschiebt.

Oft haben die Betroffenen in der frühen Kindheit oder um die Zeit der Geburt herum etwas sehr Beängstigendes erlebt. Die Akupunktur zielt darauf ab, das Urvertrauen in das Leben und sich selbst (wieder) herzustellen.

Stimmungsschwankungen und Frustration

Diese Form von Depressionen lässt sich am leichtesten verstehen, wenn man an die Stimmungsschwankungen von Pubertierenden denkt. Sie können sehr plötzlich wechseln zwischen Zurückgezogenheit/ Verschlossenheit und aggressiven Ausbrüchen/starker Reizbarkeit. Bei Jugendlichen kann sich die Aggressivität in der Kleidung ausdrücken (Nieten, Piercings, T-Shirts mit aggressiven Sprüchen oder Anspielungen auf den Tod). Sie kann sich nach außen richten als Gewalt gegen andere, oder gegen sich selbst (Alkohol, Drogen, Selbstverletzung).

Die Ursache liegt in einer tiefen Frustration, dass Pläne nicht gelingen. Es ist die Wut, immer wieder an Grenzen zu stoßen. Irgendwann schlägt diese Wut in Verzweiflung um. Die Betroffenen sehen für sich keine Zukunft, keine Hoffnung und im schlimmsten Fall auch keinen Lebenssinn. Im Gespräch mauert er. Manchmal dringt man zu ihm durch, aber gleich darauf verschließt er sich wieder. Er fängt in einem Moment etwas an und wirft es kurz darauf wieder hin, weil „es sowieso alles nichts nützt“.

Menschen mit Depressionen vom Holz-Typ sind extrem selbstkritisch. Nichts, was sie tun oder was geschieht, ist ihnen gut genug. Sie fühlen sich wertlos und haben viele Schuldgefühle. Oft sagen sie aber, die anderen oder die Umstände seien schuld an ihrer Situation.

Körperliche Symptome bei dieser Form der Depression sind Verspannungen, Zähneknirschen, Kopfschmerzen, Migräne, Probleme mit den Augen, Allergien, Juckreiz und Reizdarm-Syndrom.

In der Akupunktur geht es darum, einen Raum zu eröffnen, in dem der Betroffene (wieder) daran glaubt, einen Plan oder eine Aufgabe verwirklichen zu können. Eine Gesprächstherapie kann dabei helfen, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Heilung geschieht, wenn die Aggressivität sich in Wohlwollen und Mitgefühl verwandelt.

Einsamkeit mitten unter Menschen

Die Wandlungsphase Feuer ist mit Freude verbunden und dem Bedürfnis, sich anderen mitzuteilen und ihnen nahe zu sein. Ist dieses Feuer erloschen, verliert der Mensch das Interesse an Freundschaften und an Aktivitäten, die ihm vorher Freude gemacht haben (Hobbies, Sport, Sex). Er fühlt sich zutiefst einsam, selbst wenn er unter Menschen ist. Er kann nichts und niemanden mehr lieben, geschweige denn glauben, dass er selbst geliebt wird. Dadurch fühlt er von allem Lebenden abgeschnitten, als ob er ganz allein auf der Welt wäre.

Oft haben Menschen mit dieser Art von Depressionen in ihrer Kindheit wenig Nähe, Fürsorge und Aufmerksamkeit erfahren. Ihre Reaktion darauf ist, entweder permanent auf sich aufmerksam zu machen und nach Liebe und Bestätigung zu verlangen. Sie kleiden sich auffällig (rot!), wollen immer im Mittelpunkt stehen und suchen viel Körperkontakt. Oder sie ziehen sich zurück, stehen immer am Rande und werden zu Einzelgängern. Sie vermeiden Menschenansammlungen und Berührung.

Die Leere und Trauer kommen bei Depressionen vom Feuer-Typ nicht von einem Verlust, wie beim Metall-Typ. Vielmehr hat derjenige ein Gefühl existenzieller Verlassenheit, und meint, dass daran grundsätzlich nichts zu ändern ist.

Körperliche Symptome sind Frieren (auch im Sommer), Schlafstörungen sowie Herzklopfen oder Herzrasen. Ebenso können latente Ängste, Antriebsschwäche oder Unruhe auftreten.

Die Akupunktur wird darauf abzielen, dass der Mensch sich mit dem Leben und anderen Lebewesen wieder verbunden fühlt. Dass er (wieder) Liebe schenken und empfangen kann. Dieser Wandlungsprozess zeigt sich darin, dass zurückgezogene Menschen wieder aus dem Haus gehen, alte Freunde und Bekannte treffen oder es wagen wieder neue Beziehungen einzugehen.

Gedankenkreisen und Verdauungsstörungen

Depressionen vom Erde-Typ sind daran zu erkennen, dass die Betroffenen zu viel essen und mit ihrem Körper, ihrem Aussehen nicht zufrieden sind. (Bulimie und Anorexia nervosa gehören zu den Essstörungen und werden hier nicht eingeschlossen.) Durch die Überlastung des Verdauungssystems können Beschwerden wie Blähungen, Völlegühl und Nahrungsmittelunverträglichkeiten auftreten.

Im übertragenen Sinn ist der Menschen im Leben nicht gut geerdet, genährt und versorgt. Es fehlt ihm die Mitte. Er fühlt sich leer und kann dieses Loch auch nicht mit Essen stopfen. Eine Schwere und Trägheit macht es ihr/ihm schwer, voran zu kommen und im Leben weiter zu gehen.

Auf der psychischen Ebene zeigen sich übermäßige Sorge und Grübeln sowie obsessive Gedanken. Der Mensch mit einer Depression von Erde-Typ kann die Herausforderungen seines Lebens buchstäblich nicht verdauen. Er kaut Gedanken immer wieder ohne zu einem Ergebnis zu kommen Das Denken ist schwammig und die Konzentration fällt schwer.

Die Wurzeln liegen oft in der Beziehung zur Mutter. Entweder war sie überfürsorglich oder sie hat ihre Kinder emotional zu wenig genährt. Ursache kann aber auch sein, dass man sich in seinem Leben nicht (mehr) sicher, gut aufgehoben und Zuhause fühlt. Das kann z.B. durch einen Wohnortwechsel, Flucht und Vertreibung geschehen.

Ein wesentlicher Teil der Heilung besteht darin, gut für sich selbst sorgen zu lernen. Wichtig kann auch sein, ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen der Fürsorge für andere und sich selbst zu finden. Akupunktur kann dabei auf der psychischen und physischen Ebene unterstützen.

Anmerkung: Eine spezielle Akupunktur zum Abnehmen gibt es nicht. Ich empfehle meist eine Ernährungsberatung nach Chinesischer Medizin. (Siehe dazu: „Abnehmen mit chinesischer Medizin

Der Mensch zwischen Himmel und Erde

Auf einen wesentlichen Unterschied zwischen der westlichen Psychiatrie und der Chinesischen Medizin möchte ich zum Schluss noch hinweisen: Die Chinesische Medizin erklärt psychische Erkrankungen mit einer Störung des Shen – was in etwa der Seele des Menschen im westlichen Verständnis entspricht. Der Shen jedes Menschen ist Teil einer größeren, alle Lebewesen einenden Kraft. Als Wesen, das zwischen Himmel und Erde lebt, braucht der Mensch nicht nur eine gute Erdung, sondern auch Kontakt zu dieser einenden Kraft.

Links:
Hier finden Sie Hilfe bei Depression (auch einen Selbsttest, wenn Sie nicht sicher sind): Bündnis gegen Depression
Anne Hardy: Stehen wir vor einer Depressionsepidemie? Brenda Penninx blickt optimistisch in die Zukunft, in Uni Report 6, 2019

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