Das Shaolin Drachen Schwert

Rückseite

Heute habe ich den Blues, wie früher nach einer Jugendfreizeit. Mein Schwert-Kurs ist zuende. Es geht raus aus dem „Shaolin Tempel“ und rein in den Alltag.

„Die Heilung beginnt im Herzen“, sagt mein Sifu. „Sifu“ ist die respektvolle Titel Anrede für den Kung Fu Meister. Sie bedeutet „Lehrer-Vater“. Sein Sifu ist unser Sigung („Großvater“). Er ist 75 Jahre, lebt in Malaysia, und reist immer noch um die ganze Welt, um Kung Fu zu lehren. Jetzt war er seit zweieinhalb Jahren wieder in Frankfurt. Ich war beim Shaolin Drachen Schwert-Kurs dabei.

Wir haben im Vorfeld ganz schön geackert. Im Oktober haben wir mit Sifu angefangen, von Sigungs Video die Form zu lernen. Sie ist ziemlich lang. Das ist schon eine Herausforderung. Anfangs war ich Feuer und Flamme. Ich wollte schon lange die Schwert-Form lernen. Jetzt ging es endlich los. Oft wachte ich donnerstags morgens nach dem Training schon früh auf, packte mein Schwert, und übte im Garten, was ich am Vorabend neu gelernt hatte.

Manchmal, wenn ich in den Fluss der Bewegung kam, eins mit dem Schwert, fühlte ich eine Welle des Glücks. Eine Waffe in den Händen zu halten, zwingt mich zu absoluter Aufmerksamkeit. Ich kann alles andere vergessen. Kein Blabla mehr im Kopf.

Dann kam der Winter. Es war morgens dunkel und kalt. Ich versuchte, im Zimmer mit einem Küchenmesser oder einem kurzen Stock zu trainieren, übte montags vor dem Tai Chi Training in der Chamber oder am Wochenende im Freien. Aber ich fühlte mich überfordert, konnte mir nicht alle Bewegungsabläufe merken. Manchmal verzagte ich. Und als der Schwert-Kurs letzte Woche begann, war ich etwas angespannt, weil ich die Form immer noch nicht sicher konnte.

“Kung Fu ist ein Weg, mein selbst gewählter Weg”

Ich versuchte mich selbst zu beruhigen, indem ich mir sagte: Das ist schließlich Dein Freizeitvergnügen. Für Dein Überleben im Alltag ist es vollkommen unwichtig, ob Du eine Schwert-Form beherrschst. Aber insgeheim wusste ich: Das stimmt nicht. Kung Fu ist ein Weg, mein selbst gewählter Weg. Er zeigt mir auch die Stolpersteine in meinem Leben. Einer davon ist, dass ich verzage, wenn die Kluft zwischen meinem Anspruch an mich selbst und meinem realen Können zu groß ist.

Nach drei Tagen Schwert-Kurs und einem ausgelassenen „Graduation-Dinner“ ist es mir jetzt nicht mehr so wichtig, ob ich in meinem Leben die Schwert-Kunst jemals meistern werde. Ich bin dankbar für die Zeit, die ich in Gemeinschaft mit den anderen Schülern (meinen Brüdern und Schwestern) verbringen durfte. Und für die Ermutigung von Sigung, der es irgendwie schafft, mir eine Ahnung davon zu geben, wie die alten Meister in unserer Tradition die Schwert-Kunst übten. Jetzt weiß ich: Auch beim Schwert-Training beginnt die Heilung im Herzen. Die gilt es nun im Alltag, unter etwas schwierigeren Bedingungen, weiter geschehen zu lassen.

P.S. Zum Abschied sagte Sigung, in keiner anderen Schule von Shaolin Wahnam gäbe es so viele Schüler, die Schwert und Säbel trainierten, wie in Frankfurt. Er wolle künftig Schüler aus aller Welt hierher schicken, wenn sie es lernen wollten. Am Ende waren wir also gar nicht so schlecht. Mich spornt das an, weiter zu trainieren und immer besser zu werden. Entspannt, aber hartnäckig. Oder „Mit brennender Geduld“ – das ist vielleicht nicht ganz im Sinne von Sifu. Er sagt, wir sollten „Gleichmut“ üben. In jeder Situation, egal wie schwierig sie ist, immer gleich mutig sein. Ob mein Schwert mich das auch noch lehrt?