2019 wollen die meisten Stress reduzieren: Aber wie?

Laut Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag der Krankenkasse DAK wünschen sich 62 Prozent der Deutschen für das neue Jahr, Stress zu reduzieren. Aber das geht nur, wenn wir wissen, woher der Stress kommt. Mir fallen dazu vier Antworten ein.

Die „Zeit“ hat das Umfrageergebnis zum Anlass genommen, zwei Frauen zu porträtieren, die ihren Job aufgegeben haben, um ihren Lebensunterhalt als Yogalehrerin zu verdienen. („Ich will nie wieder in die Welt der Leistung zurück„). Die eine ist damit erfolgreich, während die andere durch Existenzsorgen unter noch stärkeren Stress geriet. Die engagierte und teilweise emotionale Diskussion des Artikels zeigt, dass viele Menschen mit ihrem Leben bzw. ihrer Arbeit unzufrieden sind. Sie meinen, der Stress entstehe dadurch, dass sie nicht das machen können, was sie wirklich möchten. Hätten sie genug Geld für die Selbstverwirklichung, wäre alles in Ordnung.

Meiner Meinung nach gibt es äußere und innere Ursachen für Stress. Hier meine Thesen.

Stress entsteht durch unsere Lebensweise

Allein in dem Bereich, in dem ich mehr als zehn Jahre gearbeitet habe (Wissenschaftskommunikation an einer Universität), hat sich die Schlagzahl ungeheuer erhöht. Durch den zunehmenden Einsatz von Computern, die Masse an verfügbaren Informationen und den Einfluss der sozialen Medien. Ich wurde unzufrieden, weil ich kaum noch etwas in Ruhe und gründlich machen konnte. Immer hechelte ich den Anforderungen hinterher und war auf höchste Effizienz gepolt. Es wurde zunehmend schwieriger, sich mit den Wissenschaftlern auch nur zu einem Telefonat zu verabreden. Und da alle an der Uni immer mehr Aufgaben haben, als sie realistischerweise bewältigen können, müssen sie priorisieren. Ich dränge nicht gerne jemanden, eine Deadline einhalten, wenn ich genau weiß, dass er schon unter größtem Druck arbeitet. Wenn ich es aber nicht tue, erhöht sich der Druck bei mir. Meine Teilzeitstelle war da nur bedingt hilfreich, denn oft muste ich in weniger Zeit noch mehr leisten. Oder länger bleiben.

Wir machen uns selbst Stress durch unsere Denkweise

Inzwischen entfällt mein früher größter äußerer Stressfaktor weg, weil ich mich selbsständig gemacht habe. Dennoch ist mir gestern aufgefallen, dass ich unter Stress gerate, wenn ich mich mit unangenehmen Aufgaben beschäftige. Denn auch meine sinnstiftende Arbeit in der Praxis ist davon nicht frei. Ich musste mich mit einer neuen Software für Buchhaltung beschäftigen und in Dinge hineindenken, die mir so gar keinen Spaß machen. Wäre ich in der Uni gewesen, hätte ich sicher einen „Schuldigen“ gefunden, auf den ich wütend sein kann, weil er mir so eine blöde Aufgabe aufgehalst hat. Aber jetzt musste ich mir eingestehen, dass unangenehme Aufgaben auch zum Traumjob gehören.

Noch unzufriedener wurde ich, als ich mir vorstellte, wie schön es jetzt beim Skifahren wäre. Ich protestierte innerlich dagegen, dass ich so viel am PC hocken muss, wo es doch draußen in der Natur viel schöner und gesünder ist. Besser wäre es, ich könnte in solchen Situationen mehr Mitgefühl mit mir und meinem Unwillen haben. Ich sollte einfach nur meinen Atem genießen und mich beruhigen, um die Aufgabe dann in der Zeit zu erledigen, die sie eben braucht.

Stress durch zu hohe Ansprüch an uns selbst

Gestern las ich auf dem Blog von DailyOm einen Beitrag mit dem Titel: „You are enough„. Die Autorin, Madisyn Taylor, beschreib das mir wohl bekannte Gefühl, in meinem Leben etwas Bedeutendes leisten zu müssen. Dieser Antrieb scheint auch in den Geschichten der beiden eingangs erwähnten Yogalehrerinnen auf. Aber, so wichtig es ist, etwas Sinnstiftendes zu tun, besteht auch die Gefahr, sich dabei zu überfordern. Dazu Madisyn Taylor:

We may feel incomplete, or empty, as if our lives don’t yet make sense to us, because they don’t line up with our idea of major accomplishment. In some cases, this may be because we really are meant to do something that we haven’t yet done. But in most cases, we can let ourselves off the hook with the realization that just being here, being ourselves, is enough.

Ich finde diesen Gedanken ungemein erleichternd und verlockend, obwohl ich mich noch nicht ganz traue, wirklich zu glauben, dass mein Dasein an sich schon genug ist. Dass jede kleinste Handlung, Entscheidung und jeder Gedanke schon einen Einfluss auf mich und mein Umfeld haben kann. Und es daher wichtig ist, mir selbst und meinen Werten treu zu sein. Taylor ist der Ansicht, dass unser Dasein ein schöpferischer Prozess ist und wir nicht anders können, als dadurch auch das Leben vieler anderer Menschen mitzugestalten. Wenn wir uns benühen, in jedem Augenblick ganz wir selbst zu sein, können wir darauf vertrauen: Es ist schon genug.

Stress, weil uns die Meinung anderer kümmert

In seinem Buch „Nach der Erleuchtung Wäsche waschen und Kartoffeln schälen“ erzählt Jack Kornfield eine Geschichte aus Indien, die mich beschäftigt:

„In Indien finanzieren die Dorfbewohner in Gebieten, in denen die Ärzte knapp sind, manchmal einem ihrer Jugendlichen gemeinsam eine Arztausbildung. In einer einfachen Kleinstadt in den Bergen kann man folgendes Schild an einer Arztpraxis lesen: „Dr. V. R. Krishna, M. D. Studium der Medizin in Kalkutta, durchgefallen“. Dr. Krishna hatte also an der medizinischen Fakultät in Kalkutta das Examen nicht bestanden. Trotzdem hatte er in seiner Heimatstadt eine Praxis eröffnet. Er bekannte sich zu seinem fehlenden akademischen Grad und bot die medizinische Hilfe an, die er verstand. Seine Praxis war gut besucht.“

Die Vorgehensweise des durchgefallenen Arztes finde ich sehr mutig, wenn ich mir vorstelle, welche hohen Erwartungen die Dorfbewohner in ihn gesetzt haben müssen. Und sie hatten in gewisser Weise auch recht, für ihre Investition in das Studium des Jungen Mannes eine Gegenleistung zu erwarten. Anstatt sich niedergeschlagen und unter Selbstanklage zurückzuziehen, gibt der Arzt den Menschen genau das, wozu er fähig ist.

Von Lob und Tadel unabhängig zu werden, beschreibt Kornfield als einen langen Prozess. Es gelingt zunächst nur in kurzen Augenblicken und kann durch Übung auf Stunden oder Tage ausgedehnt werden. Das Ziel ist verlockend:

Man erkennt, dass das Leben wesentlich vielschichtiger und wunderbarer ist, als man geglaubt hat. Das Leben wird ruhiger und entspannter, wenn man sich nicht ständig vorhält, wie es sein sollte.

Das scheint mir die beste, wenn auch schwierigste Art der Stressreduktion für 2019. In diesem Sinne wünsche ich ein glückliches neues Jahr! Im Übrigen helfe ich in meiner Praxis für Chinesische Medizin in Frankfurt auch gern bei der Stressbewältigung.

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